Interview Kai Huthmacher

Haben sie eigentlich Geschwister und Kontakt zu Familienangehörigen?

Ich hab Geschwister aber schon seit über 20 Jahren keinen Kontakt mehr, seitdem ich in die Lehre gegangen bin. Auch mit meinen Eltern habe ich keinen Kontakt mehr.

War es schwierig mit der Familie oder warum wurde der Kontakt abgebrochen?

Ich bin Adoptivkind mit meiner Schwester zusammen. Einzeln gabs uns nicht. Wir hatten eine sehr enge Bindung und deswegen hat das Jugendamt gesagt wir werden auf keinen Fall getrennt. Einer von uns wäre definitiv untergegangen.

Gibt es Kontakt zu den leiblichen Eltern?

Meine leibliche Mutter kenne ich, mein leiblicher Vater ist leider verstorben. Zu ihr habe ich selten Kontakt. Ich bin jetzt vierzig und habe sie erst mit dreißig kennen gelernt. Wenn man seine Mutter erst so spät kennen lernt ist es schwer eine Bindung aufzubauen.

Also wurden sie direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben?

Ne, ein Jahr nach der Geburt. Meine Schwester war da schon vier. Sie ist drei Jahre älter als ich.

Warum haben sie keinen Kontakt mehr zur Schwester?

Sie lebt unten in Hessen und ich bin mit meinen Eltern in den Westerwald gezogen und in Heimbach-Weiß im Berufsbildungswerk meine Lehre gemacht.

Als was haben sie die Lehre gemacht?

Als Metallbauer.

Wie kam es, dass sie Wohnungslos geworden sind? 

Das began nach der Ausbildung. Es gab Höhen und Tiefen. Man war jung und hat viel Mist gebaut. Ich bin zwar nicht straffällig geworden, aber habe andere Dummheiten gemacht. Geld verpulvert, konnte die Miete nicht mehr zahlen und bin deswegen rausgeflogen. Ich hatte auch vier Beziehungen in der die Partnerin je auch ein Kind aus eine früheren Beziehung mitgebracht hat. Wenn ich mich trenne setze ich keine Frau mit Kindern auf die Straße, also gehe ich lieber. Ich komme mit der Situation besser klar als ein kleines Kind.

Leben sie freiwillig auf der Straße? 

Nein, ich will definitiv lieber eine Wohnung haben. Vor einem halben Jahr habe ich nette Leute kennen gelernt von der Arche aus Kobern-Gondorf. Da gibts einen Verein, die arbeiten auch mit dem Mampf zusammen. Das nennt sich Wohnraum in Koblenz für Obdachlose. Die gehen hin, suchen Wohnungen und setzen WGs zusammen. Immer mit mindestens zwei Leuten, manchmal auch drei. Die bekommen dann zusammen die Wohnung.

Können sie da demnächst eine Wohnung bekommen? 

Da sind wir dran.

Sie sind nicht berufstätig?

Nein, ich habe keinen Job. Ich kann auch nicht arbeiten. Ich habe seit über 10 Jahren Atrose im Rücken. Ende des Jahres wird der Rücken so versteift, dass dann Ende Gelände ist. Ich kann zwar noch laufen und Fahrrad fahren.

Arbeitstechnisch gehts dann nicht mehr? 

Ich habe eine Ausbildung gemacht als Alltagsbegleiter für Demenzkranke, das könnte ich noch machen. Da muss ich ja nicht schwer haben, aber pflegemäßig kann ich da nichts mehr machen.

Haben sie vor in dem Bereich noch was zu arbeiten? 

Auf jeden Fall. Auch wenn viele sagen ich bin alt mit vierzig.

Was ist für sie ein Höhepunkt des Tages?

Mich mit meinen Freundin im Mampf zu Treffen, zu frühstücken, Mittag zu essen, halt einfach nur zusammen zu sitzen. Viele haben das Bild eines Obdachlosen “Hä, das sind alles nur Drogenjunkies und Alkis”. Ist nicht so! Klar, viele die ich kennen gelernt habe sind Alkoholiker, aber das weil sie keine Perspektive im Leben haben. Das ist leider so. Wie hat mal jemand zu mir gemeint, du bist wie ein Phönix aus der Asche. Du kannst noch so tief in den Keller fallen, du brauchst eine gewisse Zeit und dann stehst du da wieder und sagst: “Hi, hier bin ich”. Und genau dieses Phänomen hab ich seit 18 Jahren leider, und so langsam werd ich müde und habe keine Lust mehr. Da muss jetzt was passieren. Es ist eine schwere Situation im Moment.

Sie bekommen bald eine Wohnung in der Arche und können dann auch wieder arbeiten gehen. Wissen Sie sonst welche Hilfsangebote es in Koblenz für Sie gibt, haben Sie da einen Überblick?

Ja klar, wir haben wenn sie am Mampf über die Kreuzung gehn und an der Kaserne vorbei da ist das Übernachtungsheim hier von Koblenz. Eine Zeit lang bin ich aber auch nur gereist.

Nur durch Rheinland-Pfalz und durch Hessen?

Ja, da bin ich gependelt. Weil es mehrere Vereine gibt bei denen man auch mal eine Woche bleiben kann. Das war eigentlich immer ganz passend. In Hanau konnte ich sogar zwei Wochen bleiben. In Mainz gibt es zwei Übernachtungsheime für Pendler und da kann man jeweils eine Woche bleiben und da haben wir das immer abgepasst.

Ist es nicht auch schwierig immer pendeln zu müssen?

Es geht, hab ich alles mit dem Fahrrad gemacht.

Na das sind aber auch Strecken. Sie haben also ein Fahrrad?

Ja, immer! Ohne Fahrrad geht gar nicht. Ich bin einfach lauffaul und allein durch meine körperliche Situation ist es für mich einfacher mit dem Fahrrad zu fahren.

Was würden Sie sich denn noch für Hilfsangebote in Koblenz wünschen, oder was sollte die Politik ändern um Ihnen zu helfen?

Das es mehr Leute wie die Leute von der Arche gibt, die uns helfen. Weil, die kommen unvoreingenommen zu einem. Es ist egal ob du ein Drogen oder Alkoholproblem hast, die sehen das nicht so eng. Die reden mit dir und die helfen dir. Davon müsste es hier viel mehr geben, es ist viel zu wenig. Wir haben letztens das Thema gehabt als es hier so warm war, es müsste einen Platz hier in Koblenz geben, ein riesen Gelände, wo die Stadt sagen würde:” Wisst ihr was, hier machen wir was für die Obdachlosen!” Und wenn sie da Holzhütten bauen oder mit den Leuten die auf der Straße sitzen gemeinsam bauen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Ich habe letzt ein Video gesehen wie man mit wenig Geld aus Europaletten ein Häuschen bauen kann. Hier hinten den Güterbahnhof, der wird ja ende des Jahres abgerissen. Da schlafe ich z.B. gerade seit sechs Wochen. Mit einem guten Freund, da hinten auf der Rampe. Es ist okay bei dem Wetter und man hat ein Dach. Es wird abgerissen und dort kommen vier Wohnblocks hin. Und wo bleiben die Obdachlosen? Das hier soll jetzt nicht klingen, als ob ich etweas gegen Ausländer hätte, um Gottes Willen! Hab ich nicht! Aber wenn ich hier in Deutschland mal gucke, wie den Flüchtlingen geholfen wird und wie die sich dann aufführen hier teilweise, da grig ich das planke Kotzen, tut mir leid. Die bekommen alles in den Arsch geblasen von Vater Staat, aber wir, die wir von hier kommen und auch unten sitzen sind denen scheißegal, interessiert niemanden. Der gute Mann da vorne, der da am Zaun steht, der macht dieses Jahr sein zwanzigstes Jahr auf der Straße voll. Vor Ihm zieh ich defintiv den Hut. Ich bin ganz ehrlich solange würde ich es nicht aushalten. Er ist Hundebesitzer, er hat zig Wohnungen angeboten bekommen, es ging jedoch nie wegen des Hundes. Wie kann man denn hingehen und sagen:”Ne, keine Haustiere!” Ich bin selbst Hundebesitzer und mein Hund ist auch nicht bei mir. Der lebt bei meiner Ex-Partnerin.

An welcher Stelle ist das Leben auf der Straße besonders hart?

Die Wintermonate sind die schlimmsten für einen Obdachlosen. Deswegen finde ich das in Frankfurt so schön, von da komme ich, da ist es so, da gehen die hin für die Obdachlosen nachts ab zwei unh bis morgens um fünf, jeh nach Temperatur dürfen die Obdachlosen dann im Bahnhof schlafen oder in den Ubahn-Stationen um es etwas wärmer zu haben. Ich finde es sollte mehr Einrichtungen wie dieses Übernachtungsheim geben. Ich weiß jetzt hier von dem in Koblenz, dann gibt es noch eins vom ordnungsamt dort dürfen aber nur Pärchen wohnen, aber Grundvorraussetzung ist: man muss im Übernachtungsheim lebenslanges Hausverbot haben. Das finde ich auch wiederum nicht gut. Das ist oben auf dem Asterstein am Louisenturm. Ansonsten, was haben wir hier noch großartig in Koblenz? Ja, wir haben noch die Neustadt20 von der AWO unten am Schloss, das ist auch soetwas wie das Mampf, mit kostenlosem Essen. Klar, wir haben da unsere Meldeadresse, damit wir unser Geld bekommen und wo wir die Tagessätze holen müssen. Dann das nächste Übernachtungsheim bei dem man auch längerfristig bleiben kann, nämlkich bis zu zwei Jahre, ist unten in Leutersdorf bei Neuwied. Dort hat man Zeit sein Leben innerhalb dieser zwei Jahre wieder auf die Kette zu bekommen. Was ich auch schade finde, dass man nur weil man auf der Straße lebt immer wieder gesagt bekommt, dass man ein Suchtproblem hätte.

One thought to “Interview Kai Huthmacher”

Schreibe einen Kommentar zu Sascha Kramer Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.